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Ein Pflegewissenschaftler mit Faible für evidenzbasiertes Handeln

Die Universität als Berufsziel? Das stand für den jungen Jan Kottner keineswegs fest. Nach seinem Wehrdienst und einer Ausbildung zum Krankenpfleger sowie einer Zwischenstation in der Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege brauchte es seiner Erzählung nach noch eine ganze Handvoll an Entwicklungen und Zufällen, ohne die er nicht da stünde, wo er es heute tut: an der Spitze der Pflegewissenschaft der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Hier gestaltet er gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen die Forschung und Lehre im Fach und kommuniziert dessen Inhalte und Relevanz nach innen wie außen. Von der Stiftung Charité wurde Professor Jan Kottner im Laufe der Jahre mehrfach gefördert, immer mit ambitionierten Vorhaben: Er gewann den Max Rubner-Preis 2013 für „Evidenz-basierte Hautpflege an der Charité“; zusammen mit PD Dr. Antje Tannen den Max Rubner-Preis 2022 für „Nursing based on Science - Science based on Nursing. Eine Plattform für den Wissensaustausch in der Pflege“; außerdem warb er eine Projektförderung ein und – sein jüngstes, von der Stiftung gefördertes Projekt – ein science x media Tandem 2024 mit der Fotojournalistin Patricia Kühfuss: „Pflegewissenschaft goes visual — Interdisziplinäres Fotoprojekt zur konstruktiven Darstellung der Pflegewissenschaft und des Pflegeberufs“. Ein FACES-Interview wirkt vor diesem Hintergrund beinahe überfällig. 

Nach dem Abitur war der berufliche Weg für Jan Kottner keinesfalls klar. Der entscheidende Impuls, im Anschluss an den Wehrdienst in die Pflege zu gehen, kam von einem sehr guten Freund, der ihm sagte: „Pflege ist total super. Da kannst du Karriere machen und sogar Geld verdienen im ersten Lehrjahr.“ Das überzeugte. Während die anderen Freunde studierten, begann Jan Kottner seine Ausbildung im damaligen städtischen Krankenhaus in Friedrichshain, heute Teil von Vivantes. Und sie machte ihm Spaß. „Im Nachhinein betrachtet denke ich, mein Gott, was wir damals gelernt haben! Und die Art, die war wirklich wie aus dem letzten Jahrhundert …“ Er erinnert weiter: „Das war noch die Zeit, in der man als Pflegeperson die freien Stellen noch suchen musste. Ich war fasziniert von meinem Psychiatrieeinsatz, wollte gerne in die Akutpsychiatrie. Dort haben sie mich aber nicht genommen.“ Als nächstes interessierte er sich für die Intermediate Care, eine pflegerische Tätigkeit zwischen Intensiv- und Normalstation. „Aber bloß nicht Intensivstation. Wo bin ich gelandet? Auf der Intensivstation im Herzzentrum!“ Ganz Jan Kottners Humor. 

Während der Jahre im Herzzentrum regte sich in ihm der Wunsch, nochmal Neues zu lernen. Jan Kottner wurde auf den Diplomstudiengang Pflegepädagogik an der Charité aufmerksam: „Das war ein klassischer Lehramtsstudiengang. Hauptfach Pflegewissenschaft. Im Nebenfach hatte ich mich für die Biowissenschaften entschieden, bestehend aus Anatomie und Physiologie, unter anderem. Und dann gab’s verpflichtend die klassischen Lehramtskomponenten: ganz viel pädagogische Psychologie, Erwachsenenpädagogik, solche Dinge.“ Inhaltlich fühlte sich das Studium genau richtig an für ihn. Nur Lehrer werden wollte er eigentlich nicht. Stattdessen schlug er in dieser Zeit den Weg Richtung Forschung ein. Er begann, als studentischer Mitarbeiter am Institut für Medizin-/Pflegepädagogik und Pflegewissenschaft zu arbeiten, blieb und wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter. Die Promotion folgte 2009, darauf die Habilitation 2011. 

Jan Kottner

Förderprogramm
u. a. Max Rubner-Preis

Jahr der Auszeichnung
2022

Fachgebiet
Pflegewissenschaft

Vorhaben
Nursing based on Science - Science based on Nursing. Eine Plattform für den Wissensaus-tausch in der Pflege

Institution
Charité – Universitätsmedizin Berlin

 

Seit 2020
Leitung des Instituts für Klinische Pflegewissenschaft und des Bachelorstudiengangs Pflege, Charité – Universitätsmedizin Berlin

Seit 2020
Professur für Pflegewissenschaft, Charité – Universitätsmedizin Berlin

1999–2002
Krankenpfleger im Immanuel Herzzentrum Brandenburg

Die für Jan Kottners Werdegang nächste entscheidende Weichenstellung initiierte Professorin Ulrike Blume-Peytavi, stellvertretende Klinikdirektorin der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie an der Charité. Sie überzeugte ihn, zu ihr in die Dermatologie zu kommen. Erst wusste er gar nicht, was er da sollte „unter lauter Ärzten“, aber dann sagte er zu und es wurden zehn Jahre produktive und sehr konstruktive Zusammenarbeit daraus. „Das war eine sehr fruchtbare und lehrreiche Zeit“, schwärmt Jan Kottner, der laut Scopus einen h-Index von 47 hat. Eine Tatsache, die er selbst natürlich mit keiner Silbe erwähnt. 

In dieser Zeit erhielt Jan Kottner mit dem Max Rubner-Preis 2013 für das Vorhaben „Evidenz-basierte Hautpflege an der Charité“ seine erste Förderung durch die Stiftung Charité. Das Projekt, das er mit dem Preisgeld realisieren konnte, untergliederte sich in mehrere Teile: Schritt eins war, überhaupt eine Übersicht über die an der Charité verwendeten Hautpflegemittel und -strategien abseits der Dermatologie zu erlangen; Schritt zwei, diese mit Leitlinien zur Hautpflege abzugleichen, vor allem mit Blick auf die Förderung der Barrierefunktion der Haut; und Schritt drei schließlich, einen best practice-Vorschlag für die Hautpflege der Patientinnen und Patienten an der Charité zu entwickeln. Noch fast 15 Jahre später erinnert sich Jan Kottner an die Heterogenität von Produkten und Verfahrensweisen, die sein Team und er vorfanden, und erzählt: „Wir waren auf den Stationen unterwegs, haben die Schränke aufgemacht, um zu sehen, welche Produkte in Benutzung waren. Dann haben wir gleich noch das Personal in Bezug auf die Handhabung befragt und dann war schon vollkommen klar, dass alle unterschiedlich vorgehen, sogar innerhalb des gleichen Fachbereichs, allein weil sie auf unterschiedlichen Stationen tätig sind. Die vorgefundene Heterogenität war quasi das Gegenteil von evidenzbasiertem Handeln. Nach einer literature review haben wir einen Algorithmus zur Hautpflege für die Charité entwickelt und ihn mit Produkten hinterlegt. Im Ergebnis stellten wir fest: Mehr als 20 Produkte braucht es nicht. Das haben wir mehrfach in Leitungsrunden vorgestellt.“ 

Bis tatsächlich ein Hautpflegestandard in der Gesamtheit der Krankenversorgung der Charité eingeführt wird, dauert es zwar noch. Aber einen Impuls dafür hat das frühe Max Rubner-Projekt von Jan Kottner mindestens gegeben. Und es verdeutlicht seinen Ehrgeiz, Wissenschaft und Praxis engzuführen – zum Wohle der Patientinnen und Patienten in den Kliniken ebenso wie im Sinne der Ressourceneffizienz. 

Wahrscheinlich wäre Jan Kottner in der Dermatologie und damit in seinem persönlichen „Studienparadies“ geblieben, spekuliert er, hätten Berliner Landespolitik und Charité nicht gemeinsam beschlossen, einen primärqualifizierenden Bachelor-Studiengang Pflege aufzusetzen. Unter der Überschrift „Ausbau der Gesundheitsberufe“ kann man im Hochschulvertrag des Landes Berlin mit der Charité für die Jahre 2018 bis 2022 die entscheidende Passage nachlesen: „Die Charité trägt dazu bei, Pflegeexpertinnen und Pflegeexperten auszubilden, die die wachsende Bedeutung integrierter Versorgungssysteme erfassen und mitgestalten können und mit den anderen Gesundheitsberufen interprofessionell zusammenarbeiten. Nach Inkrafttreten des neuen Pflegeberufsgesetzes, frühestens jedoch zum Wintersemester 2019/20, wird die Charité daher einen primärqualifizierenden, ausbildungsintegrierenden Pflegestudiengang einrichten und diesen mit einer jährlichen Aufnahmekapazität von 60 Studierenden durchführen.“

Die Charité begann unter Hochdruck, die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Schrieb zwei Professuren aus. Jan Kottner zögerte erst, sich zu bewerben. Auch, weil Hausberufungen in wissenschaftlichen Kreisen bis heute ein gewisser Makel anhaftet. Schließlich warf er dann aber doch seinen Hut in den Ring. Bewerbung, Berufung, Gründung des Instituts für Klinische Pflegewissenschaft – das ging alles schnell, man teilte eine gemeinsame Vision und „der Druck war da, der Studiengang startete“. Die Gründung des Instituts hatte Anfang 2021 Pioniercharakter, erklärt Jan Kottner. Andere hochschulmedizinische Standorte in Deutschland ziehen inzwischen nach. Als Entwicklung im Ganzen absolut folgerichtig, findet er: „Der Wissenschaftsrat und andere haben es schon viele Male betont. Wenn ein Studiengang Pflege eingerichtet wird, dann bitte an einer medizinischen Fakultät – aufgrund der Nähe zur klinischen Praxis! Wir können die Sinnhaftigkeit dessen uneingeschränkt bestätigen.“ 

Damit will er das Studium zur Pflegefachfrau oder zum Pflegefachmann, wie man es beispielsweise an Fachhochschulen durchlaufen kann, nicht schlecht reden. Aber doch die Vorzüge der universitären Ausbildung an der Charité hervorheben: „Wir haben hier ein anderes Profil. Es herrscht eine besondere universitäre Kultur. Auch wenn die Studierenden sich hier für die praktische Pflegetätigkeit ausbilden lassen, spielt die Wissenschaft eine fundamentale Rolle bei uns. Sie sollen später evidenzbasiert handeln und sich gut um Menschen kümmern. Sie werden zum allergrößten Teil nicht selbst in die Forschung gehen, aber ihr gesamtes Studium ist geprägt von der Expertise, wie sie an der Charité vorhanden ist. Gut 30 Kliniken und Institute tragen zum Studiengang Pflege bei. Haben die Studierenden Orthopädie, kommen Kolleginnen der Orthopädie, nehmen sie die Grundlagen der Wissenschaft durch, kommt zum Beispiel Volker Hess, der Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin. Sie nehmen auch an interprofessionellen Lehrformaten wie unseren Notfallkursen teil. Das macht etwas mit den Studis, es ist eine gewisse Sozialisation. Darüber hinaus teilen sie sich den Campus mit den Studierenden der anderen Fächer, von der Medizin über die Gesundheitswissenschaften bis zu den Hebammen; sie sitzen nebeneinander in der Mittagspause und fragen sich gegenseitig, was studierst du eigentlich? Sie begegnen sich also schon früh, nicht erst fertig ausgebildet in ihren jeweiligen Rollen.“

Wir sprechen über die große Verantwortung, die Pflegende tragen. Keine andere medizinische Berufsgruppe sei so nah an den Patientinnen und Patienten, unterstreicht Jan Kottner. „Pflegende treffen viele klinische Entscheidungen, auch wenn sie sich dessen nicht immer bewusst sind. Sie tun es, jeden Tag.“ Evidenzbasiert zu handeln bedeute, dass die Pflegenden wissenschaftliche Erkenntnisse zu einer bestimmten Sachlage berücksichtigen und in ihren Entscheidungsprozess einbeziehen. Nicht etwa, dass sie allein nach den Ergebnissen oder gar vermeintlichen Vorgaben einer Studie handeln müssten. Das sei ein häufiges Missverständnis, das ihm begegne, erzählt Jan Kottner. Auf den Intranetseiten des e-COMPAS wird das in einem einführenden Video leicht verständlich dargestellt: Evidence-based Nursing setzt sich darin grafisch aus vier Puzzleteilen zusammen – zuallererst aus den Präferenzen der Patientinnen und Patienten, zweitens der internen Evidence, also der persönlichen klinischen Expertise und Erfahrungswerten der handelnden Pflegekraft, dann den Umgebungsbedingungen, die zu berücksichtigen sind (wie gesetzliche Vorgaben oder vorhandene Ressourcen) und schließlich der externen Evidence, die aus der Wissenschaft kommt. Zusammen ergeben sie das Fundament, auf dem die pflegerische Entscheidung basieren sollte. Die Entwicklung von e-COMPAS ist das zentrale Ergebnis des Vorhabens „Nursing based on Science - Science based on Nursing. Eine Plattform für den Wissensaustausch in der Pflege“, mit dem sich Jan Kottner und seine Kollegin Antje Tannen erfolgreich auf den Max Rubner-Preis 2022 bewarben. Das Konzept einer Charité-internen, strukturierten Kommunikations-Plattform für den verbesserten Transfer von Ideen, Fragen und Erkenntnissen aus Pflegepraxis und Pflegewissenschaft überzeugte Jury und Lenkungskreis gleichermaßen. Und: es geht auf. 

Jan Kottner demonstriert im Interviewtermin die Funktionalitäten der Plattform an seinem Rechner. In wenigen Klicks kommen Pflegende zur Eingabemaske, mittels derer sie Versorgungsprobleme erfassen und Fragen formulieren können. Diese werden von Julia Will, wissenschaftlicher Mitarbeiterin am Institut für Klinische Pflegewissenschaft, entweder direkt für alle Plattformnutzenden nachlesbar beantwortet oder in einen Pool von offenen Forschungsfragen überführt, aus dem alle, die an der Charité eine Qualifikationsarbeit schreiben wollen, schöpfen können, wenn sie eine Forschungsfrage mit Bezug zur Pflegepraxis suchen. Sind die Arbeiten geschrieben, werden deren Ergebnisse wiederum auf der Plattform zur Verfügung gestellt, damit die Praktikerinnen und Praktiker auch davon erfahren. Win, win, win.

Kottner benennt das „Strukturproblem“, das e-COMPAS ein Stück weit einhegen will, also den Grund dafür, weshalb evidenzbasierte Pflegepraxis bis heute so wenig etabliert ist: „Der Zugang zu leicht verdaulicher Evidenz ist einfach nicht standardmäßig gegeben. Das zu ändern ist in meinen Augen der Job der Fakultät. Aber da wir nicht in der Praxis sind, kennen wir die Probleme nicht so gut wie die Pflegenden vor Ort. Die Plattform bringt die Herausforderungen der Pflegekräfte mit dem Wissen aus der Forschung zusammen.“ Und er lobt die Arbeit von Julia Will, die die Fragen kompakt beantworte, ohne dass dies auf Kosten der Qualität der Antworten ginge. Ganz im Gegenteil: Die Antworten fußten immer auf hochwertigen Informationen wie Cochrane reviews oder Leitlinien. 

Diese engere Verzahnung, der direkte Austausch zwischen Pflegepraxis und -wissenschaft ist Teil der Vision Jan Kottners für ein zukunftsfestes Gesundheitssystem. Darauf arbeitet er in seinem Rahmen hin, wie viele andere an der Charité. Denn so wie es heute läuft, kann es realistischerweise nicht mehr lange weitergehen. Die Kosten würden momentan exponentiell steigen, kaum auszumalen, wenn sich nichts änderte. Zum Fachkräftemangel in der Pflege gibt Jan Kottner zu bedenken: „Das ist eine globale Tendenz.“ Er differenziert aber auch zwischen der Lage in Deutschland und der in anderen Ländern. Im Vergleich gebe es eine klare Überversorgung an Krankenhausbetten in Deutschland, die so nicht mehr zu halten sei. Und auch – noch – eine hohe Dichte an Pflegepersonal habe das Land. In Jan Kottners Vorstellung muss sich das deutsche Gesundheitssystem zügig neu aufstellen, die Gesundheitsberufe ausdifferenziert und die jeweiligen Ausbildungen auf den neuesten Stand gebracht werden. Entwicklungen wie das Pflegestudiumstärkungsgesetz und das Pflegeberufegesetz stimmen ihn vorsichtig optimistisch. Aber: „Wir müssen da noch viel mutiger werden und noch viel weitergehen!“

Die demografischen Umwälzungen werden so dramatisch werden, dass man mit der „Ressource Arzt“ wird ganz anders umgehen müssen. Zwangsläufig wird sich dann auch die Rolle und der Kompetenzbereich der Pflegenden weiter verändern. Dafür müssten sie fit gemacht werden. Die Versorgungsforschung zeige immer wieder: „Pflegende als primärer Kontakt, das klappt sehr gut!“ Aber danach zu handeln ist eben auch eine Mentalitätsfrage. Noch gebe es Widerstände in Deutschland, strukturelle Verweise auf Sektorengrenzen; Einwände, die juristische Argumente und ähnliches anführten, aber ein Umbau des Gesundheitssystems sei bei allen Bedenken eben alternativlos. Für ‚seine‘ Studierenden schwebt Jan Kottner noch die Möglichkeit vor, in Zukunft auch einen Clinical Master an der Charité draufsetzen zu können. „Wir sind dabei, das auf den Weg zu bringen!“

Jan Kottners jüngste Förderung durch die Stiftung Charité ist das gemeinsame science x media Tandem 2024 mit der Fotojournalistin Patricia Kühfuss. Es firmiert unter dem Kurztitel „Pflegewissenschaft goes visual“ und will den vorherrschenden, stereotypen fotografischen Darstellungen des Pflegeberufes und der relativen Unsichtbarkeit der Pflegewissenschaft als akademischer Disziplin etwas entgegensetzen. Im interdisziplinären, berufsgruppenübergreifenden Austausch von Personen aus Pflegewissenschaft, -praxis und der Welt der Medien entwickeln Kottner und Kühfuss aktuell alternative, konstruktive Bildnarrative. Jan Kottner: „Das ist sehr lustig, wenn so ein Hardcore-Wissenschaftler wie ich und eine Künstlerin wie Patricia versuchen, miteinander zu reden. Ich glaube, wir leben teilweise in verschiedenen Welten. Aber diese Konversation über die Berufsgrenzen hinweg scheint mir genau der Sinn der Tandem-Förderung zu sein!“

Und er erzählt, wie sie von Beginn an viele Mitarbeitende der Charité eingebunden haben. Denn es geht zentral um ihr professionelles Selbstbild. Ihm sei wichtig, im Rahmen dieser Zusammenarbeit ein realistisches Berufsbild zu zeichnen. Pflegende würden nicht immer nur Hintern abwischen oder Wunden versorgen, und sie seien auch keine Helden. Zumindest nicht mehr oder weniger als anderes Personal im Gesundheitswesen das auch sei. Zwischen diesen Extremvorstellungen scheint sich für Jan Kottner aber das gesellschaftliche Bild der Pflege zu bewegen, immer verbunden mit einem stillschweigenden „Also ich könnte das nicht!“ in den Köpfen. Die Wahrheit läge, wie so häufig, in der Mitte. Und – zumindest im Kontext Krankenhaus – sei eine Haupttätigkeit von Pflegenden eigentlich das Kommunizieren: mit Angehörigen, mit Patientinnen und Patienten, und in der Koordination der verschiedenen Berufsgruppen. 

Neulich haben sich Jan Kottner und Patricia Kühfuss gemeinsam über hunderte Fotos, die bisher im science x media Tandem entstanden sind, gebeugt. Der Künstlerin reichten die Bilder, die sie schon im Kasten hat, noch nicht aus, lacht Jan Kottner, dabei sei schon richtig viel Gutes dabei: „Diese Fotos entsprechen nicht mehr dem gängigen Narrativ, das kann man schon sagen! Wir haben Fotos, deren Verwendung alle genehmigt haben, von denen ich denke, wow – das sind Szenen, die hat man so noch nicht gesehen.“ Er zieht den Hut vor der Tandempartnerin, erzählt, wie sie sich Charité-Kluft anzieht, die Kamera in die Hand nimmt und mit den Pflegenden mitläuft, komplette Nachtschichten lang. 

Die Projektergebnisse sollen später ausgestellt werden, aber darüber hinaus auch über die Fotoagentur laif für Redaktionen im ganzen Land abrufbar sein und so – Publikation um Publikation – das medial geprägte Bild der Pflege in den Köpfen verändern. 

Dr. Nina Schmidt
Juli/August 2025