Es gibt kein „zu verständlich“: Über Mut und Notwendigkeit zur Wissenschaftskommunikation in den Lebenswissenschaften
Seit Anfang 2023 fördert die Stiftung Charité die Charité – Universitätsmedizin Berlin bei der Entwicklung und Umsetzung des Trainingsprogramms „Wisskomm@Charité“ – ein zentraler Bestandteil ihrer Förderaktivitäten im Bereich Open Life Science. Damit wird auf die gesellschaftlich wie politisch gestiegenen Anforderungen gerade an in den lebenswissenschaftlichen Fächern Forschenden im Bereich Kommunikation reagiert. Durch diese Förderung ist die Charité die bisher einzige Hochschulmedizin in Deutschland, die sich mit einem grundständigen Schulungsprogramm dezidiert dem Kommunikationskompetenzaufbau ihrer Medizinerinnen und Mediziner sowie lebenswissenschaftlich Forschenden verschreibt. Der Geschäftsbereich Unternehmenskommunikation der Charité, in Person Dr. Julia Drews, verantwortet das Vorhaben. Anlässlich von drei Jahren Förderung treffe ich die Projektleiterin gemeinsam mit der Forscherin PD Dr. Luisa Denkel im Institut für Hygiene und Umweltmedizin am Campus Benjamin Franklin zum FACES-Interview. Denkel war Teil der ersten Kohorte, die das Schulungsprogramm 2024 durchlaufen hat.
Im November 2025 startete der dritte Jahrgang von Wisskomm@Charité. Bis Sommer durchläuft die Gruppe zwölf gemeinsame Schulungstage. Was erwartet die Teilnehmenden und wie war der Auftakt, Frau Dr. Drews?
Drews: Der Auftakt ist jedes Mal etwas ganz Besonderes. Ich freue mich immer sehr darauf, die Personen hinter den Bewerbungen kennenzulernen und zu sehen, welch tolle Forschung an der Charité stattfindet und in was für einer Bandbreite. Unsere Teilnehmenden kommen aus allen Bereichen der Charité und sind auf unterschiedlichen Karrierestufen. Dadurch ergibt sich eine Vielfalt an thematischen Hintergründen und gleichzeitig agieren alle im Charité-Kosmos. Das hat bislang immer sehr gut harmoniert. Und besonders schön ist, dass diese Forschenden über ihre Arbeit kommunizieren wollen – genau deshalb haben sie sich ja auf einen Platz in unserem Programm beworben.
Inhaltlich beginnen wir mit dem, was wir „Onboarding Wisskomm“ nennen: den Grundlagen der Wissenschaftskommunikation. Warum müssen wir überhaupt über Wissenschaft kommunizieren? Und ganz zentral geht es um strategische Kommunikation: Was sind meine Zielgruppen, was und wen möchte ich erreichen? Wir sprechen außerdem über die Dynamiken von Social Media und über Wissenschaftsjournalismus. Wir wollen den Teilnehmenden helfen, mediale Logiken besser zu verstehen. Wir klären: Wie kommt Wissenschaft überhaupt in die Medien? Nach diesem Grundlagenblock wird es ganz konkret. Wir gehen in die Medienkompetenzen: Texte verfassen, Forschung visualisieren, Auftrittstraining, Kameratraining. Das Ganze runden wir mit einer praxisnahen Abschlussaufgabe ab. Es ist sehr facettenreich für die Teilnehmenden.

Förderprogramm
Wisskomm@Charité
Förderzeitraum
seit 2023
Fachgebiet
Wissenschaftskommunikation
Vorhaben
Wisskomm@Charité: Kommunikationskompetenzaufbau für Wissenschaftler:innen an der Charité
Institution
Charité – Universitätsmedizin Berlin
seit 2025
Projektleitung Wisskomm@Charité
seit 2018
Referentin für Wissenschaftskommunikation, Geschäftsbereich Unternehmenskommunikation, Charité
2012 bis 2018
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften der Freien Universität Berlin
Was sagt die Erfahrung der ersten beiden Durchläufe: Welche Inhalte oder Trainings werden besonders positiv aufgenommen – was fällt den Teilnehmenden eher schwer?
Drews: Das ist sehr individuell. Die eine Person ist Social-Media-affiner, die andere hat vielleicht eher eine Textkompetenz. Mein Eindruck ist aber schon, dass das Kameratraining für viele ein Highlight ist.
Denkel: Für mich persönlich war das Kamera- und Interviewtraining definitiv das Highlight – gerade, weil ich mich da am weitesten aus meiner Komfortzone herauswagen musste. Aber es war auch sehr gut vorbereitet: Wir bekamen erst Tipps von einem Journalisten und einem Kameramann, haben dann Übungen gemacht und sind erst danach in die Situation gegangen. Das Feedback aus der Gruppe wie auch von den Profis war total spannend. Und sich selbst danach auf dem Bildschirm zu sehen – das ist schon gewöhnungsbedürftig.
Die größte Herausforderung war für mich aber etwas anderes, nämlich die Fokussierung auf die Kernbotschaft. Das Stichwort Kernbotschaft zog sich als roter Faden durch den gesamten Kurs. Für eine Wissenschaftlerin, die jedes Detail ihrer Arbeit spannend findet, ist es hart, sich kurz zu halten und dabei noch relevant und verständlich auszudrücken. Man hat ja immer die Sorge, dass es nicht mehr korrekt ist, wenn man die eigenen Themen zu knapp darstellt. Das war meiner Wahrnehmung nach auch für die meisten anderen die größte Herausforderung.
Wie gehen Sie in der Unternehmenskommunikation mit den teils rasanten Veränderungen in der Welt der Wissenschaftskommunikation um, also z. B. mit Social-Media-Plattformen, die kommen und gehen oder signifikant umgebaut werden, oder mit KI-generierten Inhalten? Und was bedeuten diese Veränderungen für Wisskomm@Charité?
Drews: Technologische Veränderungen gehören zur Kommunikationsbranche grundsätzlich dazu. Wir beobachten viel, schauen, was sich wie entwickelt, was vielleicht nur ein kurzlebiger Trend ist. Dabei fragen wir uns: Was passt zur Charité und zu unserer Kommunikation? Wo sind unsere Zielgruppen unterwegs?
KI verändert die Kommunikationsbranche aktuell fundamental, genauso wie die gesamte Arbeitswelt. Deshalb haben wir auch an Wisskomm@Charité Anpassungen vorgenommen: Seit dem dritten Jahrgang gibt es standardmäßig eine eigene ganztägige Schulung „KI in der Wisskomm“. Darüber hinaus diskutieren wir das Thema auch immer wieder in den anderen Schulungen und fragen zum Beispiel: Muss man heute überhaupt noch schreiben lernen? Ich glaube ja, denn man muss die Texte, die Large Language Models produzieren, bewerten können. Insgesamt ist uns wichtig, mit Wisskomm@Charité agil zu agieren und Programmpunkte anzupassen, wenn sie nicht mehr up to date erscheinen.
Frau Dr. Denkel, Sie sind am Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité tätig. Was hat Sie veranlasst, sich auf einen der ersten Plätze im Programm zu bewerben? Was haben Sie sich damals von einer Teilnahme versprochen?
Denkel: Wir am Institut für Hygiene und Umweltmedizin sind verantwortlich für die Vermeidung von Krankenhausinfektionen und antimikrobiellen Resistenzen bei allen Patientinnen und Patienten der Charité. Das tun wir in der Routine, aber auch durch Studien, die wirksame Infektionspräventionsmaßnahmen identifizieren sollen. Wir testen beispielsweise antiseptische Waschungen auf Intensivstationen oder die probiotische Reinigung von Oberflächen. Die Kommunikation mit den Mitarbeitenden der medizinischen Fachabteilungen ist dabei für uns zentral.
Hinzu kam meine Erfahrung als Mitarbeiterin am Robert-Koch-Institut während der Pandemie. In dieser Zeit fiel mir auf, wie schwierig es ist, Unsicherheiten zu kommunizieren. Wenn Korrekturen in den Erkenntnissen stattfinden mussten, wurde das in der Öffentlichkeit oft als Vertrauensbruch wahrgenommen. Dabei gehört es zum normalen Prozess der Wissenschaft, sich über die Zeit auch immer wieder selbst zu korrigieren: Diskurs ist für uns unter Kolleginnen und Kollegen normal, auch wenn sich das als schwer vermittelbar herausstellte. Das alles hat mich beschäftigt, als ich die Ausschreibung der Unternehmenskommunikation sah.
Frau Drews, was macht lebenswissenschaftliche Wissenschaftskommunikation aus – was unterscheidet sie von der Wissenschaftskommunikation der theoretischen Physik oder der Altertumsforschung, überspitzt gefragt?
Drews: Die Lebenswissenschaften haben einen riesigen Vorteil: Es gibt ein großes gesellschaftliches Interesse an medizinischen und biologischen Themen. Das belegen auch Umfrageergebnisse wie die, die alljährlich im Wissenschaftsbarometer veröffentlicht werden. Alle Menschen können etwas damit anfangen, denn es geht häufig auch um ihre eigene Gesundheit und Krankheit oder die ihrer Angehörigen. Die Themen sind relatable. Das ist eine günstige Ausgangslage für uns, bedeutet aber gleichzeitig, dass wir in der Kommunikation besonders sensibel sein müssen. Wenn wir Zahlen und Statistiken betrachten, müssen wir immer im Hinterkopf behalten, dass es um Patientinnen und Patienten, um ihre Sorgen und Hoffnungen geht. Es spielen auch immer wieder ethische Fragestellungen mit in unsere Kommunikation – besonders offensichtlich in Bezug auf Gentechnik oder Tierversuche.
Gleichzeitig möchte ich betonen, dass es nicht nur Unterschiede zu anderen Disziplinen gibt, sondern auch viele Gemeinsamkeiten. Grundlegend gilt: Strategische Wissenschaftskommunikation ist sich seiner Ziele und Zielgruppen bewusst, drückt sich verständlich aus, verzichtet auf unnötige Fachbegriffe.
In einer später preisgekrönten Rede thematisierte Prof. Dr. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité, letztes Jahr u. a. die Politisierung von Forschung und den gesellschaftlichen Verlust der Orientierung an Fakten. Ist das neben allen fachspezifischen Herausforderungen das große disziplinenübergreifende Problem der Wissenschaftskommunikation heute?
Drews: Die Postfaktizität ist definitiv eine Herausforderung, genauso wie Wissenschaftsfeindlichkeit – das sind Gefahren für die Freiheit der Forschung und damit auch für die Wissenschaftskommunikation. In der Kommunikationspraxis gibt es zudem viele weitere Herausforderungen. Das Nutzungsverhalten der Menschen beispielsweise fragmentiert sich immer stärker. Zugleich werben alle um ihre limitierte Aufmerksamkeit, gerade online. Jüngere Generationen informieren sich vor allem über Social Media über das Weltgeschehen. Bald werden wir persönliche KI-Assistenten haben, die uns Content nach individuellen Interessen, Vorwissen und aktueller Lebenssituation – oder sogar nach Tagessstimmung – filtern. Wie erreichen wir die Menschen also überhaupt noch? Diese Frage müssen wir uns permanent stellen und immer wieder Antworten finden.
Wie können wir den beschriebenen Problemen begegnen?
Denkel: Teil meiner Motivation für die Bewerbung auf einen Platz in Wisskomm@Charité war genau diese Frage: Wie gehe ich mit Fake News um? Wie räume ich sie aus? Wie schaffe ich es, einfache Antworten, die von unseriöser Seite geliefert werden, unaufgeregt ein bisschen komplexer darzustellen? Ich habe mir von der Fortbildung das Handwerkszeug dafür gewünscht. Jetzt muss ich es anwenden üben.
Ich glaube außerdem, wir müssen die Wissenschaftskommunikation in der Ausbildung verankern – im Medizinstudium, in den Naturwissenschaften. Früh anfangen, aber lebenslang weiterlernen. Ich sehe da jede Person, die in der Forschung tätig ist, in der Pflicht. Wir werden zu einem großen Teil aus öffentlichen Mitteln finanziert. Es liegt in unserer Verantwortung zu kommunizieren, was wir machen – auch wenn es außerhalb unserer Komfortzone liegt. Mittlerweile wird ja auch in vielen Ausschreibungen verlangt, dass man eine Kommunikationsstrategie für sein Forschungsvorhaben entwickelt. Dafür brauchen wir aber die Kompetenzen, gerade mit Blick auf Social Media – damit wir möglichst nicht etwas posten, das eine Reaktion auslöst, die wir dann nicht mehr einfangen können.
Drews: Letztendlich muss man schon in der Schule anfangen – mit Medienkompetenz, aber auch mit Wissenschaftskompetenz. Ein gutes Verständnis von Statistik zum Beispiel ist elementar. Insbesondere, wenn wir Risiken von Krankheiten, Behandlungen und vieles mehr korrekt einordnen möchten.
Meldet sich der eine oder die andere Teilnehmende im Nachgang zur Kommunikationsschulung nochmal bei Ihnen? Und falls ja: mit welchen Anliegen?
Drews: Ja, das passiert regelmäßig. Oft wünschen sich die Personen dann eine kommunikative Beratung zu Texten, Videos, Umsetzungsmöglichkeiten – ganz unterschiedlich. Und ich mache das total gern, weil es mir zeigt, dass sie sich nach Wisskomm@Charité weiter mit Kommunikation beschäftigen. Gerade erst haben sich zwei ehemalige Teilnehmende bei mir gemeldet: Sie haben zusammen einen Antrag für das diesjährige Wissenschaftsjahr zum Thema „Medizin der Zukunft“ eingereicht und waren erfolgreich. Sie sagten, ohne die ganzen Inhalte und Werkzeuge von Wisskomm@Charité wäre das nicht möglich gewesen. Ist das nicht toll? Es zeigt, dass den Teilnehmenden der Transfer des erlernten Wissens in die Praxis gelingt.
Es war eine tolle Leistung, das Schulungsprogramm so zu konzipieren und aufzugleisen, wie es heute existiert. Nach drei Jahren Wisskomm@Charité: Wo sehen Sie, Frau Drews, das Programm in noch einmal drei Jahren, in Ihrer Idealvorstellung?
Drews: Ich würde mich natürlich freuen, wenn wir das Programm dann weiterhin anbieten können und es ein fester Bestandteil in unserem Serviceangebot ist. Die Stiftung Charité hat uns für die Aufbauphase und die ersten beiden Jahrgänge gefördert und tut dies glücklicherweise nochmal für drei weitere – das ist großartig. Inhaltlich wichtig bleibt mir die agile Steuerung. In seiner Grundstruktur steht Wisskomm@Charité. Aber wir lassen weiterhin jeden Jahrgang unser Programm evaluieren und bauen das Feedback kontinuierlich ein. Vor jeder Schulung schauen wir: Was sind die Bedarfe der Gruppe? Gibt es neue Trends, die wir berücksichtigen sollten? Die Nachfrage auf einen Platz bei Wisskomm@Charité ist gleichbleibend hoch, es gab in jeder der bisherigen Runden deutlich mehr Bewerbungen als Plätze. Und das Potenzial an sich ist riesig – an der Charité arbeiten schließlich etwa 6.000 Forschende und Ärztinnen und Ärzte.
Zuletzt: Wer oder was hat Sie in Sachen guter Wisskomm in letzter Zeit beeindruckt?
Drews: Ich kann natürlich die Charité-Kommunikation empfehlen (lacht). Aber tatsächlich: Mit unseren Science Shots etwa haben wir zuletzt ein schönes Wisskomm-Format entwickelt. Ich persönlich mag Quarks sehr gerne – sowohl den Instagram-Kanal als auch den Podcast, den das Team macht, „Science Cops“. Außerdem „Mai Think X - Die Show mit Dr. Mai Thi Nguyen-Kim“. Auch Science Optics kann ich empfehlen. Das ist ein Instagram-Kanal mit tollen Visualisierungen, teilweise auch von medizinischen Themen. Und als Mutter ist mir die Buchreihe von Torben Kuhlmann über berühmte Wissenschaftler positiv aufgefallen. Er erzählt für Kinder ab etwa fünf Jahren sehr zugänglich, über eine Maus als Hauptfigur und mit vielen Illustrationen. Ich mag das Einstein-Buch besonders gern. Das ist Wissenschaftskommunikation für eine ganz andere Zielgruppe.
Denkel: Stichwort Kinder: Wir haben gerade im Kino den neuen Checker Tobi-Film gesehen. Der Tobias Krell macht das toll, finde ich. Er bindet häufig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein und erzählt dabei die großen Geschichten über die Luft, das Wasser, die Erde oder die Frage, was Zeit eigentlich ist. Das ist hervorragend aufbereitet. Und man lernt auch als Erwachsene noch viel.
Drews: Absolut. Und das bringt mich zurück zu einem Punkt, den wir bisher noch mit jedem Jahrgang von Wisskomm@Charité diskutiert haben: Es gibt kein „zu verständlich“. Bei den Forschenden schwingt – ob bewusst oder unbewusst – häufig so eine Angst mit, dass sie nicht mehr kompetent wirken, wenn sie sich verständlich ausdrücken. Aber das ist eine unbegründete Sorge. Es hat sich noch kein Mensch darüber beschwert, etwas gut verstanden zu haben!
Wie wahr! Vielen herzlichen Dank Ihnen beiden für Ihre Zeit und das Gespräch.
Dr. Nina Schmidt
Januar/Februar 2026
