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Wenn das Gehirn das Herz beeinflusst – Einblicke in die Schlaganfallforschung

Prof. Dr. Christian Nolte ist Oberarzt in der Klinik für Neurologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin und Experte für die Behandlung des akuten ischämischen Schlaganfalls. Neben der Schlaganfallforschung widmet er sich insbesondere auch der Interaktion zwischen dem Herz und dem Gehirn. Herr Nolte wird über seine klinische Tätigkeit hinaus von der Stiftung Charité als BIH Clinical Fellow gefördert. Diese Möglichkeit nutzt er, um zu einer Verbesserung der personalisierten Vorhersage von kardialen Komplikationen beim ischämischen Schlaganfall beizutragen. Was genau hinter seinem Forschungsansatz steckt, wieso er sich für die Arbeit in der Neurologie entschieden hat und wie er einen Ausgleich zu seinem Arbeitsalltag findet, hat er uns im Interview erzählt.

Herr Professor Nolte, Sie beschäftigen sich in Ihrem Vorhaben mit der Herz-Hirn-Interaktion beim ischämischen Schlaganfall. Was genau steckt dahinter?

Das Thema Herz-Hirn-Interaktion hat in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. Lange Zeit lag der Fokus darauf, Herzerkrankungen zu identifizieren, die in der Folge Erkrankungen am Gehirn verursachen können. Bekanntlich versorgt das Herz das Gehirn mit Blut, und Durchblutungsstörung im Gehirn haben ihre Ursache dementsprechend häufig im Herzen. Das ist auch bei der Behandlung des Schlaganfalls wichtig und nicht selten Therapie-entscheidend. Unter anderem meine Arbeitsgruppe beschäftigt sich jedoch mit gegenläufigen Effekten: Können Schädigungen des Gehirns auch Schädigungen am Herzen hervorrufen? Und ja, wir konnten zeigen, dass insbesondere Schlaganfälle im sogenannten Insellappen des Gehirns nachfolgend zu Herzschäden führen. Das ist interessant, da der Insellappen das autonome Nervensystem kontrolliert und das autonome Nervensystem das Herz steuert. Schlaganfallpatientinnen und -patienten mit einer solchen Schädigung haben wiederum eine schlechte Prognose und könnten vielleicht von spezielle Therapieansätzen profitieren.

Was hoffen Sie, mit Ihrer Forschung erreichen zu können?

Natürlich hoffen wir irgendwann zeigen zu können, dass Patientinnen und Patienten mit einer durch den Schlaganfall verursachten Herzschädigung von einer spezifischen Behandlung profitieren. So könnten wir die Prognose dieser Patientinnen und Patienten verbessern.

Christian Nolte

Förderprogramm
BIH Clinical Fellow

Förderzeitraum
Seit 2022

Vorhaben
Herz-Hirn-Interaktion: Verbesserung der personalisierten Vorhersage von kardialen Komplikationen beim ischämischen Schlaganfall durch Nutzung von Infarktlokalisation und Infarktmuster

Fachgebiet
Neurologie

Institution
Charité – Universitätsmedizin Berlin

 

Seit 2009

Leiter der Stroke Unit am Campus Benjamin Franklin der Charité – Universitätsmedizin Berlin

Seit 2018

Leiter des Trial Teams am Centrum für Schlaganfallforschung an der Charité – Universitätsmedizin Berlin

Doch zunächst müssen viele kleinere Ziele erreicht werden. Für ein besseres Verständnis können wir an der Charité auf diesem Weg auf sehr präzise MRT-Daten zurückgreifen, die uns nähere Einblicke in die Bedeutung der Lokalisation, Form, und Ausgestaltung der Schlaganfälle ermöglichen. So hoffen wir besser zu verstehen, ob und wie wir kardiale Erkrankungen vorhersagen können: Können wir noch besser zeigen, dass bestimmte Regionen im Gehirn Herzstörungen, z.B. auch Herzrhythmusstörungen hervorrufen können? Können wir auch andere Organstörungen (außerhalb des Herzens) vorhersagen? Von besonderem Interesse ist am Herzen z.B. das sogenannte Broken-Heart-Syndrom, das wir sonst von Situationen kennen, die emotional sehr belastend sind. Hier suchen wir wiederum Zusammenhänge zum autonomen Nervensystem.

Es gibt zwei Arten von Schlaganfällen: Den hämorrhagischen, der durch eine Hirnblutung ausgelöst wird und den ischämischen, der durch eine plötzliche Minderdurchblutung des Gehirns auftritt. Sie beschäftigen sich hauptsächlich mit dem ischämischen. Warum?

Der ischämische und der hämorrhagische Schlaganfall unterscheiden sich in der Pathophysiologie und Therapie grundlegend. Auch ist der ischämische Schlaganfall deutlich häufiger. Wir können also bei der Forschung zum ischämischen Schlaganfall deutlich größere Datenmengen analysieren, somit besser und schneller statistisch sinnvolle Aussagen treffen und schließlich numerisch auch mehr Patientinnen und Patienten helfen.

Wie lässt sich denn eigentlich der typische Schlaganfallpatient bzw. die typische Schlaganfallpatientin definieren, wenn man so will?

Das lässt sich ganz gut beantworten: Der durchschnittliche Schlaganfallpatient bzw. die durchschnittliche Schlaganfallpatientin ist um die 73 Jahre alt. Es sind ungefähr gleich viele Frauen wie Männer betroffen, obwohl man denken könnte, dass Frauen eigentlich seltener einen Schlaganfall erleiden als Männer. Das ausgewogene Geschlechterverhältnis erklärt sich dadurch, dass Frauen im Durchschnitt älter werden als Männer– sie haben sozusagen mehr (Lebens-)Zeit, an einem Schlaganfall zu erkranken. Frauen sind im Durchschnitt etwa fünf Jahre älter als Männer, wenn sie ihren ersten Schlaganfall bekommen. Zusätzlich variieren die Schlaganfallursachen je nach Geschlecht. Bei Männern liegen diese vor allem bei schweren Arterienverkalkungen. Frauen wiederum bekommen deutlich eher Schlaganfälle aufgrund von Herzerkrankungen. Für unsere Studien bedeutet das also, dass Frauen hier überrepräsentiert sind.

Sie arbeiten bereits seit vielen Jahren in der Neurologie. Wieso haben Sie sich gerade für diesen Medizinzweig entschieden?

Für mich persönlich ist die Neurologie einfach das spannendste Fach in der Medizin. Man muss sehr „detektivisch“ vorgehen. Patienten kommen nicht zu uns und sagen: „Ich habe einen Schlaganfall“ oder „Ich habe die Parkinsonsche Erkrankung.“, sondern z.B. mit Problemen beim Laufen oder Treppensteigen. Mit der klinisch-neurologischen Untersuchung kann man die Ursache der Beschwerden dann meist sehr gut eingrenzen. Die klinische Untersuchung erlaubt die Zuordnung von Symptomen zu Syndromen und von dort kommen wir zur Erkrankung und Therapie. Früher galt die Neurologie vielleicht als etwas „verkopft“. Inzwischen ist die Neurologie ein therapeutisches Fach mit vielen Behandlungsmöglichkeiten. Selbst aus der Notaufnahme ist die Neurologie nicht mehr wegzudenken. Jeder dritte Patient bzw. jede dritte Patientin in der Notaufnahme weist ein neurologisches Defizit auf. Bei Schwindel und Kopfschmerzen beispielsweise sind Neurologen heute oft die ersten Ansprechpartner.

Tätig waren Sie nicht nur im Inland, sondern auch in London, Manchester und Toronto. Was ist Ihnen aus dieser Zeit besonders im Kopf geblieben?

In Großbritannien fand ich vor allem die enge Teamarbeit beachtlich. Dort ging es wesentlich weniger hierarchisch zu als hier in Deutschland. Und ich erinnere mich an eine sehr freundliche Atmosphäre in der Klinik. In Kanada wiederum war ich gar nicht in der Neurologie tätig, sondern in der Kardiologie. Dort hat mich am meisten beeindruckt, wie viel Gesundheitsversorgung und –forschung dort durch Stiftungsgelder möglich gemacht wird. Es ist toll, dass das auch in Deutschland einen höheren Stellenwert bekommt.

Und was gefällt Ihnen an Berlin besonders, jetzt einmal ganz unabhängig von Ihrer Arbeit?

Gebürtig komme ich aus einer Kleinstadt in Niedersachsen und mag Berlin als Großstadt sehr. Ich schätze das große kulturelle Angebot mit den vielen Theatern, die sehr gute Infrastruktur und die ehrliche Art der Menschen, die hier leben. Ich finde es nämlich sehr sympathisch, dass die Leute hier sozusagen kein Blatt vor den Mund nehmen. Und ich finde es auch sympathisch, dass die Menschen hier grundsätzlich gegenüber der – sagen wir mal Obrigkeit – etwas kritischer eingestellt sind und vieles hinterfragen. Kurzum: Ich lebe sehr gerne in Berlin und würde hier nicht wegziehen wollen.

Wie finden Sie eigentlich einen Ausgleich zu Ihrer Arbeit, nutzen Sie dafür z.B. Berlins vielfältiges Angebot?

Den finde ich vor allem in meiner Familie, sprich bei meiner Frau und meinen drei Töchtern. Davon abgesehen bin ich ein Freund von ruhigeren Aktivitäten. Wir haben beispielsweise einen Garten, in dem ich sehr gerne Zeit verbringe. Dieses Jahr habe ich z.B. Marmelade aus unseren Johannisbeeren selbst gemacht (lacht). Daneben gehe ich gerne wandern und joggen, da ich hier meinen Kopf besonders gut freibekomme.

Zu guter Letzt kommen wir noch zu unserer traditionellen Abschlussfrage: Wenn Sie drei Personen (tot oder lebendig) zu einem fiktiven Dinner einladen könnten, welche wären das?

Das ist eine spannende Frage! Ich würde gerne mit drei inspirierende Persönlichkeiten aus meinem Fachbereich Essen gehen: das wären einmal die beiden Neurologen Jean-Martin Charcot und Joseph Babinski. Ersterer gilt als Begründer der Neurologie in Frankreich. Babinski hat viel zur neurologisch-topologischen Diagnostik beigetragen. Daneben hätte ich gerne noch Carl Westphal dabei. Er war einer der ersten Leiter der Neurologie (Nervenheilkunde) an der Charité. Herr Westphal war maßgeblich daran beteiligt, dass sich die Neurologie als Fach gegenüber der Psychiatrie emanzipiert hat.

Dezember 2022 / Marike de Vries & Marie Hoffmann