Wenn Nerven neue Wege lernen – Gespräch über ein junges Fach, das die Neurochirurgie um eine entscheidende Dimension erweitert
Dr. Anna Zduńczyk, Oberärztin an der Klinik für Neurochirurgie der Charité – Universitätsmedizin Berlin, bewarb sich 2023 erfolgreich auf ein Clinical Fellowship der Stiftung Charité. Das Anliegen, mit dem sie Auswahlkommission und Stiftungsrat überzeugte: Weltweit führende Wissenschaftlerinnen und Operateure der restaurativen Neurochirurgie an ihren Institutionen in Österreich und den USA aufzusuchen und dort zu hospitieren, um in den Erfahrungsaustausch zu gehen und sich in OP-Techniken und Behandlungsalgorithmen auf den neuesten Stand bringen zu lassen. Verbunden hat sie ihr Fellowship zudem mit einer Studie an der Charité, die grundlagenwissenschaftlichen Fragen zur besseren Vorhersagbarkeit der Neuroregeneration nach operativen Eingriffen nachgeht. Insgesamt treibt Zduńczyk damit die Etablierung der restaurativen Neurochirurgie an der Charité weiter voran, um ihren Patienten durch die eigene fachliche Exzellenz ein Maximum an Funktions(rück)gewinn und damit Lebensqualität bieten zu können. Diese Motivation ist im Interview mit ihr, das wir im Bettenhochhaus der Charité auf Station geführt haben, in jeder Gesprächsminute spürbar.
Eine ganz grundlegende Frage zu Anfang, Frau Dr. Zduńczyk: Was genau ist restaurative Neurochirurgie? Was unterscheidet sie von der klassischen Neurochirurgie?
Die klassische Neurochirurgie befasst sich im Wesentlichen mit Pathologien, die entfernt oder behandelt werden müssen: Hirntumoren, Hirnblutungen, Infektionen des zentralen Nervensystems, aber auch Wirbelsäulenerkrankungen wie Bandscheibenvorfälle oder Spinalkanalstenosen. Das sind alles Erkrankungen, die irgendwo ein Problem verursachen, etwa Schmerzen oder Druck auf umliegendes Gewebe. Und es ist toll, dass moderne Medizin all das operieren kann! Lange Zeit hat sich die Neurochirurgie kaum damit beschäftigt, die vorhandenen rekonstruktiven Techniken weiter auszuweiten, um verlorene neurologische Funktionen wiederherzustellen. Die meisten operativen Techniken sind nicht neu, neu ist aber, diese einer breiten Gruppe von Patient*innen anbieten zu können. Weil wir als Neurochirurg*innen die Menschen eng begleiten und miterleben, wenn nach einer Hirntumor-OP oder einer Verletzung peripherer Nerven Funktionsausfälle zurückbleiben, wuchs der Wunsch, ihnen mit unseren Mitteln auch in der Post-OP-Phase etwas anbieten zu können. Daraus hat sich die restaurative Neurochirurgie entwickelt.
Das Feld ist noch sehr jung. Es hat sich erst in den vergangenen knapp zehn Jahren herausgebildet. Wesentliche Impulse kamen von Justin Brown am Massachusetts General Hospital in Boston, einem meiner Mentoren, der das Konzept einer traditionellen Neurochirurgie, die sich nicht vor allem mit dem Beseitigen von Pathologien befasst, sondern auch mit der Frage, was danach kommt, maßgeblich geprägt hat. Restaurative Neurochirurgie ist ein dezidiert interdisziplinäres Fach: Nur in Zusammenarbeit mit der Handchirurgie, plastischen Chirurgie und Orthopädie konnten die heute verfügbaren Techniken so weit entwickelt werden, dass man wirklich etwas für die Patient*innen bewirken kann. Deshalb war auch meine Ausbildung in verschiedenen Bereichen, auch viel in der plastischen Chirurgie beispielsweise.

Förderprogramm
Clinical Fellows
Bewilligungsjahr
2023
Fachgebiet
Neurochirurgie
Vorhaben
Restaurative Neurochirurgie
Institution
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Seit 2022
Oberärztin, Klinik für Neurochirurgie, Charité – Universitätsmedizin Berlin
2018 – 2022
Funktionsoberärztin, Klinik für Neurochirurgie, Charité
2017
Zusatzqualifikation erworben bei der European Association of Neurosurgical Societies und Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie: Periphere Nervenchirurgie, Fazialisrekonstruktion und Plexusrekonstruktion
Apropos Ausbildung: Wie sind Sie zur Neurochirurgie gekommen?
Nach dem zweiten Semester suchte ich ein Pflegepraktikum in meiner Heimatstadt München und habe dafür nach einer Fachrichtung gesucht, die mir möglichst wenig sagte – um so viel wie möglich zu lernen! Eigentlich wollte ich damals Herzchirurgin werden. Aber dann war ich beim Maximalversorger auf der neurochirurgischen Station und war sofort fasziniert. Die Ärzt*innen waren unfassbar cool und die Patientinnen und Patienten auch: Das waren vorwiegend selbst noch junge Menschen, mit denen ich mich viel ausgetauscht habe. Ich fand damals – und finde bis heute – die Krankheitsbilder sehr spannend. Neurochirurgie fühlte sich für mich sowohl von der klinischen Arbeit als auch von der Forschung her so faszinierend an, dass ich mich entschieden habe, diesen Weg weiterzugehen.
Wem hilft die restaurative Neurochirurgie? Können Sie das an ein, zwei Beispielen veranschaulichen?
Ein Patientenkreis, der mich seit Beginn meiner Karriere sehr bewegt, sind Patient*innen mit Fazialisparese, d. h. Gesichtsmuskellähmungen. Wir behandeln in der Charité viele Patientinnen und Patienten mit Schädelbasistumoren, also Tumoren, die an der Schädelbasis an den Hirnnerven wachsen und damit ganz relevante Funktionen wie Schlucken, Sprechen, Mimik und Augenbewegungen beeinträchtigen können. Häufig sind das junge Menschen, die zunächst mit nur geringen Symptomen auffallen: einem Tinnitus, einer leichten Hörminderung. Dann wird vielleicht ein gutartiger Tumor am Hörnerv entdeckt und erfolgreich operiert. Und trotzdem bleibt bei manchen Patient*innen, besonders bei größeren Tumoren, eine Gesichtslähmung zurück.
Was das bedeutet, ist vielleicht nicht spontan klar: Diese Menschen können sich nicht mehr mitteilen, haben Schwierigkeiten beim Sprechen, Schlucken und Essen, und sie sind auch ästhetisch stigmatisiert. Von ihnen können viele nicht ins Berufsleben zurückkehren, weil sie nicht mehr sehr lange vor einem Bildschirm sitzen können, wenn der Lidschlussreflex beeinträchtigt ist. Es sind so viele Lebensbereiche und elementare Funktionen gleichzeitig betroffen. Durch den Vortrag eines tollen Kollegen aus Argentinien, Mariano Socolovsky, bin ich dann auf die Technik der fazialen Rekonstruktion gestoßen und war sofort begeistert. Als ich Professor Vajkoczy, meinem Chef, davon erzählte, fragte er: Warum lernen Sie das eigentlich nicht? Er stellte Kontakt zum Fazialis-Zentrum in Freiburg her und dort durfte ich die Technik dann erlernen.
Heute sind Sie hochspezialisiert in – unter anderem – der peripheren Nervenchirurgie. Was bedeutet in diesem Kontext „peripher“? Und gibt es besondere Eigenschaften des menschlichen Körpers, die sich die periphere Nervenchirurgie zunutze macht?
Peripher meint schlicht alles außerhalb von Schädelknochen und Wirbelsäule. Was darin liegt, gilt als zentrales Nervensystem; was den Spinalkanal oder den Schädelknochen verlassen hat, ist peripher – also auch das Gesicht. Die periphere Nervenchirurgie hat sich ursprünglich damit befasst, wie man verletzte Nerven, etwa nach einer Schnittverletzung, bestmöglich reparieren kann. Die Realität wartet aber teils mit komplizierten Fällen auf, etwa wenn Patient*innen erst Monate oder Jahre nach einer Verletzung zu uns finden. Dann lässt sich ein Nerv nicht mehr so leicht in seiner Kontinuität wiederherstellen und man braucht andere Techniken. So hat sich zum Beispiel der Nerventransfer etabliert: Man entnimmt einen Teil eines gesunden Nervs und verlagert ihn auf den geschädigten. Hilfreich ist dabei, dass bis zu 70 Prozent der Nervenfasern eines gesunden Nervs entnommen werden können, ohne dass die Funktion darunter leidet. Die Natur hat uns dankbarerweise mit einem großzügigen Überschuss ausgestattet!
Entscheidend für unsere Herangehensweise als Operateure ist außerdem, wie nah zwei Nervenfunktionen auf der Repräsentationskarte des Körpers im Gehirn, dem sogenannten Homunculus, beieinanderliegen. Je näher, desto leichter kann ein Nerv die Funktion eines anderen übernehmen, ohne dass Patientinnen und Patienten groß umlernen müssen. Beim Kau- und Gesichtsnerv ist das der Fall, weshalb wir bei Gesichtslähmungen gerne den Kaumuskelnerv auf den Gesichtsnerv verlagern. Und weil diese Techniken so gut funktionierten, wurden sie auf weitere Krankheitsbilder übertragen, etwa auf Rückenmarksverletzungen: Wenn die Oberarmnerven intakt sind, die Hände aber nicht mehr angesteuert werden können, lassen sich Oberarmnerven so verlagern, dass sie in Richtung der Handmuskeln auswachsen. Nerven haben nämlich zeitlebens eine Wachstumstendenz von ungefähr einem Millimeter pro Tag, auch im hohen Alter!
Das Fellowship der Stiftung Charité hat Ihnen ermöglicht, für Hospitationen ins Ausland zu gehen – nach Wien in Österreich, nach Boston, Massachusetts, und nach Columbus, Ohio (beide USA). Was zog Sie speziell an diese drei Orte? Haben Sie dort sehen und lernen können, was Sie sich erhofft hatten?
Alle drei Aufenthalte habe ich innerhalb eines unfassbar schönen und horizonterweiternden Jahres absolviert. Wien kam zuerst – einfach, weil es näher lag und unkomplizierter zu organisieren war. Die beiden Stationen in den USA habe ich kurze Zeit später direkt hintereinander weg aufgesucht, erst Boston, dann Columbus.
Wien war vor allem wegen Oskar Aszmann, bei dem ich dort hospitiert habe, so wertvoll: Er ist ein ganz spannender Neurowissenschaftler und zugleich Operateur. Er kommt aus der plastischen und rekonstruktiven Chirurgie und betreibt gleichzeitig hochkarätige Grundlagenforschung zur Nervenregeneration und dem Nervenaufbau. Wir haben während meines Aufenthalts viel Zeit miteinander verbracht, saßen intensiv zusammen. Ich hatte einen ganzen Katalog an Fragen im Gepäck und er hat sie mit einer Gründlichkeit beantwortet, die mir technisch enorm viel gebracht hat. Ehrlich gesagt hat mir dieser direkte Austausch mehr gegeben als das bloße Zuschauen im OP, weil ich genau die kleinen technischen Fragen stellen konnte, die man sonst nirgendwo loswird. Dazu kamen die gemeinsamen Sprechstunden mit seinen Patient*innen und Einblicke in sein Labor. Ich habe in Wien sehr viel gelernt und hatte tatsächlich im Anschluss auch direkt OPs in Berlin, in denen ich das gerade erworbene Wissen erstmalig anwenden konnte.
Dann kam der Abschnitt in den USA. Was haben Sie aus Boston und Columbus für sich mitgenommen?
In Boston war ich drei Wochen am Paralysis Center, das mit dem Massachusetts General Hospital – und damit mit Harvard – verbunden ist. Was mich dort besonders beeindruckt hat, war die interprofessionelle Zusammenarbeit. Neurochirurgie und Handchirurgie arbeiten dort eng zusammen, führen teilweise gemeinsame Sprechstunden durch – was enorm viel bringt, weil manche Eingriffe eher in der Handchirurgie gemacht werden, andere eher in der Neurochirurgie, und manchmal lässt sich beides in einem einzigen Eingriff kombinieren. Davon profitieren die Patient*innen natürlich. Zu den Chirurginnen und Chirurgen mit unterschiedlicher Spezialisierung kommen Ergotherapeutinnen, Physiotherapeuten, Physician Assistants und Doktorand*innen hinzu. Die Teams waren also sehr divers besetzt und auch die Abläufe waren äußerst ökonomisch gestaltet, dadurch konnten beispielsweise in der Ambulanz deutlich mehr Patientinnen und Patienten gesehen werden, als ich es von hier teils kenne. Im Nachgespräch am Tagesende konnte sich das Team dann nochmal austauschen und einander Hinweise in Bezug auf einzelne Patient*innen bzw. deren Verläufe geben; das waren 15 sehr gut investierte Minuten.
Von Boston ging es direkt nach Columbus, Ohio, zu Amy Moore, die dort Chefärztin ist. Eine plastische Chirurgin, die sehr innovativ mit ihren Techniken ist. Sie ist eine Schülerin von Susan Mackinnon, einer der prägenden Figuren der Nervenrekonstruktion. Amy Moore hat sich auf die Rekonstruktion der unteren Extremitäten spezialisiert. Das ist ein Bereich, in dem die Lehrmeinung lange sehr zurückhaltend war: Die Beine müssen das gesamte Körpergewicht tragen, die Anforderungen an Muskulatur und Nervenfunktion sind entsprechend hoch – und damit auch die Hürde, mit chirurgischen Eingriffen wirklich etwas zu bewirken. Amy Moore hat mit ihren Daten jedoch überzeugend zeigen können, dass auch hier Nerventransfers Funktionen gut wiederherstellen können. Das fand ich sehr spannend – und wichtig für meine Patientinnen und Patienten in Berlin, dass ich mir das einmal aus nächster Nähe anschaue.
Es gibt so ein geflügeltes Wort in der Nervenrekonstruktion: For those who have a little, a little is a lot. Eine kleine Verbesserung beispielsweise einer schweren Lähmung kann einen großen Unterschied in Sachen Lebensqualität machen! Der Gedanke daran motiviert mich ungemein in meiner Arbeit mit den Patienten. Die kommen zu mir und sagen, egal was Sie machen, es kann nur besser werden. Und es ist häufig auch so, dass ich etwas bewirken kann. Aber ich gehe in der Aufklärung offen mit den Patient*innen um und sage, es kann sein, dass wir nur 30 Prozent rausholen. Aber das ist schon was! Und im besten Fall kann man die gewünschte Funktion natürlich zu 80 bis 100 Prozent wiederherstellen.
Sie haben sich als Clinical Fellow nicht nur bei den Weltbesten in ihren Fächern in operativen Techniken und Behandlungsabläufen fortgebildet, sondern auch eine Studie aufgesetzt, in die Sie Personen mit Rückenmarksläsionen und peripheren Nervenläsionen eingeschlossen haben. Können Sie deren Erkenntnisinteresse einmal darstellen?
Gerne. Die traditionelle Lehrmeinung bei Nervenverletzungen ist, zunächst viele Monate abzuwarten und zu schauen, ob der Nerv sich von selbst erholt – und erst um den sechsten Monat herum zu operieren, wenn keine Regeneration stattgefunden hat. Sechs Monate sind für eine junge Person allerdings eine sehr lange Zeit. Und wir haben keine verlässlichen Marker oder Parameter, die uns frühzeitig sagen, ob ein Patient sich erholen wird oder nicht. Deshalb untersuche ich jetzt mit meiner Arbeitsgruppe auf Ebene des motorischen Netzwerks im Gehirn, ob sich hier nicht vielleicht schon früh Unterschiede zeigen zwischen Patientinnen und Patienten, die sich gut erholen werden, und solchen, bei denen das weniger wahrscheinlich ist. Wenn wir solche Marker identifizieren können, ließe sich eine Operation möglicherweise früher anbieten, weil wir mit gutem Gewissen sagen können: Eine spontane Erholung ist in diesem oder jenem Fall unwahrscheinlich.
Eine zweite Frage in dem Forschungsprojekt ist die nach den Folgen einer OP: Was passiert eigentlich im motorischen Netzwerk nach einer Rekonstruktion? Wir verlagern einen Nerv – aber was verändert sich dadurch im Gehirn? Tut sich wenig, tut sich viel, wie wird das Netzwerk umstrukturiert? Das sind Fragen, die uns als Neurowissenschaftler*innen unbedingt reizen.
Nach all den Erfahrungen, die Sie als Clinical Fellow machen konnten: Was ist Ihre Vision für die restaurative Neurochirurgie in Berlin, für die Charité?
Schon kurz nach meiner Rückkehr aus den USA fügte sich vieles. Eine Freundin und Kollegin, Leila Harhaus-Wähner, bekam die Professur für Hand-, Replantations- und Mikrochirurgie der Charité – Universitätsmedizin Berlin in einer gemeinsamen Berufung von Charité und Unfallkrankenhaus Berlin. Wir haben direkt begonnen, gemeinsam Patientinnen und Patienten in der Sprechstunde zu sehen. Unser Traum ist es, ein neuro-rekonstruktives Board ins Leben zu rufen, ähnlich einem Tumorboard, bei dem alle relevanten Disziplinen gemeinsam an einem Tisch sitzen: Neben der Neurochirurgie und Handchirurgie wären das etwa die Orthopädie, Unfallchirurgie, Kinderchirurgie und Neurologie. So ließe sich für jede Patientin und jeden Patienten individuell die optimale Therapie bestimmen.
Die Charité ist ein Ort, der beeindruckend viel Expertise bündelt – und der bereits jetzt internationale Patient*innen anzieht, die nach neuen, spezialisierten Behandlungsmöglichkeiten suchen. Ich glaube, dass wir hier das europaweit erste Zentrum für restaurative Neurochirurgie aufbauen könnten!
Dr. Nina Schmidt
April/Mai 2026
