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„Als IT wollen wir Möglichmacher sein“: Das Reallabor als Brücke zwischen Forschung, Klinik, Verwaltung und IT

Selbst einst als Forscher in der Bioinformatik tätig, leitet Dr. Björn-Oliver Gohlke inzwischen die Science IT der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Im Team mit Kolleginnen und einem Kollegen aus verschiedenen Bereichen der Berliner Hochschulmedizin setzt Gohlke das Vorhaben „Reallabor“ um, das 2025 mit dem Max Rubner-Preis der Stiftung Charité ausgezeichnet wurde. Die Würdigung durch die Preisverleihung war ein Katalysator für den Aufbau des Reallabors, das Preisgeld essentiell für das Team, um loszulegen. Das Reallabor soll zukünftig eine wichtige Rolle beim Abbau bürokratischer Hürden in der Verwaltung spielen und dazu beitragen, die Entwicklung innovativer Ideen zu Lösungen voranzutreiben. Dazu haben wir im ehemaligen Baltic Hotel in Berlin-Mitte, dem heutigen Sitz der IT der Charité, gesprochen.

Wenn Berliner*innen an die Charité denken, denken sie möglicherweise zuerst an das Bettenhochhaus auf dem Campus Mitte und die Notaufnahme darin, aber die Berliner Hochschulmedizin ist viel mehr: Universitätsklinikum und medizinische Fakultät in einem, auf drei Campus über die Stadt verteilt. Auf allen dreien findet Lehre, Forschung und Patientenversorgung statt. Was macht ein Geschäftsbereich IT innerhalb dieses Gefüges?

Die IT ist tatsächlich überall präsent. Das lässt sich gut an unserer neuen Struktur ablesen, die wir in den letzten anderthalb Jahren aufgebaut haben: Wir haben die IT in drei Businesspartner unterteilt. Die Admin IT kümmert sich um die administrativen Prozesse, etwa Abrechnung und Nutzerverwaltung. Die Medical IT verantwortet die IT-Systeme rund um die Krankenversorgung. Sie stellt sicher, dass Patientinnen und Patienten auf den Stationen ordentlich versorgt werden können, dass die digitalen Systeme funktionieren. Und dann gibt es die Science IT, in der auch das Reallabor, das die Stiftung Charité mit dem Max Rubner-Preis ausgezeichnet hat, angesiedelt ist und die ich mittlerweile leite. Hier geht es schwerpunktmäßig um Fakultätsangelegenheiten, also Studium und Lehre, Wissenschaft, Forschung und Translation. Die Science-IT betreibt die zentralen Systeme für unsere rund 10.000 Studierenden und 6.000 Wissenschaftler*innen und Forschenden. Für sie stellen wir die zentrale Infrastruktur bereit: Speicher; Rechenleistung; alles, was es braucht, um große Datensätze sicher zu verarbeiten und aufzubewahren, gerade jetzt im Zeitalter von Digitalisierung und KI und bei erhöhtem Bedarf für Cybersicherheit. 

Die IT ist überall vertreten und dabei bestenfalls nicht sichtbar. Denn fällt sie mal aus, steht sie sofort im Fokus. Umgekehrt heißt das: Wenn sie wenig sichtbar ist, funktioniert in der Regel alles so, wie es soll.

Björn-Oliver Gohlke

Förderprogramm
Max Rubner-Preis

Jahr der Auszeichnung
2025

Fachgebiet
Informationstechnologie

Vorhaben
Experimentierraum für digitale Lösungen für die Verwaltung der Charité – Reallabor

Institution
Charité – Universitätsmedizin Berlin

 

Seit 2026
Leiter der Science IT, Charité – Universitätsmedizin Berlin

2017 – 2026
Postdoc an der Charité – Universitätsmedizin Berlin

2017
Promotion in Cheminformatics (Dr. rer. nat.), Freie Universität Berlin

Wie würden Sie Ihr Aufgabenprofil jemandem erklären, der nicht vom Fach ist – sagen wir, bei einem Kaffee oder Bier?

Da hat sich bei mir gerade tatsächlich einiges verändert. Als wir1 2025 den Max Rubner-Preis gewonnen haben, war ich noch hauptsächlich im Innovationsmanagement tätig – und das Reallabor passte da naheliegend rein, weil wir als IT ja enabler oder Möglichmacher für die Wissenschaftler*innen sein wollen, die für ihre Projekte Zugang zu bestimmten Ressourcen brauchen. Seitdem wurde ich erst Streamleiter für wissenschaftliche und translationale Services, und jetzt Abteilungsleiter der Science IT. Mein Aufgabenprofil hat sich entsprechend erweitert: Ich koordiniere und strukturiere den Bereich heute strategisch, mit Fokus auf Wissenschaft und Translation – und das Reallabor wird darin in Zukunft ebenfalls eine wichtige Rolle spielen.

Und was ist das preisgekrönte Reallabor genau? Den Begriff hört man ja immer öfter und in den unterschiedlichsten Kontexten. Mancher Skeptiker würde vielleicht sagen: Reallabor, das ist doch nur noch ein Modewort!

Das stimmt, es ist tatsächlich zu einem Modewort geworden, das in ganz vielen Bereichen verwendet wird. In unserem Kontext – Wissenschaft und Translation – geht es um digitale, mittlerweile oft auch KI-basierte Ansätze, deren Verprobung eine sichere technische Umgebung verlangt. Das Reallabor soll dafür den Ort bieten, an dem sich solche Ansätze unter realen Bedingungen ausprobieren lassen: im besten Fall in einem Testsystem parallel zum Live-System, in dem nichts kaputtgehen kann. Das Ziel ist, ganzheitliche IT-Lösungen zu entwickeln und einen gangbaren translationalen Weg zu ermöglichen – also beispielsweise den Weg einer Idee aus der Forschung in die Klinik. Als IT unterstützen wir dabei interdisziplinäre Teams, denn heute ist kaum noch ein Projekt nur einem Fachbereich zuzuordnen. Es gibt fast immer Überlappungen, und IT ist praktisch immer mit im Boot. Wir ermöglichen den Teams ihre Ideen in einem geschützten Rahmen zu verproben – bis zu einem MVP, einem minimum viable product, oder einem proof of concept, also einem funktionierenden Prototyp.

Konkret gliedert sich die Entwicklung in drei Räume: Im Pitchraum werden Ideen eingebracht und bewertet – das übernehmen wir perspektivisch gemeinsam mit Fachexpertinnen und -experten beispielsweise aus dem Charité BIH ARC Innovation Center (CBAIC), die einschätzen können, ob es für einen eingebrachten Vorschlag wirklich einen Bedarf gibt. Mir ist dabei wichtig, dass die Frage nicht nur aus finanzieller Perspektive beantwortet wird, sondern auch mit Blick auf den Wert für die Krankenversorgung. Ist die Idee vielversprechend, geht es in den Experimentierraum – das ist im eigentlichen Sinne das Reallabor, wo der Prototyp schnell und unter realen Bedingungen getestet wird. Funktioniert er grundlegend, folgt die Arbeit im Translationsraum: Dort klären wir, was es braucht, um aus dem Prototyp ein fertiges Produkt zu machen und es dahin zu bringen, wo es gebraucht wird, etwa in die Klinik, auf die Station oder aufs Smartphone. Das Reallabor selbst ist also ein Ort, an dem wir schnell herausfinden, ob etwas funktioniert, bevor die Teams sich durch langwierige Freigabeprozesse oder ähnliches arbeiten, ohne dass ein Projekterfolg abschätzbar wäre.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen – eine Idee, die den Weg durchs Reallabor vielleicht bereits gegangen ist?

Ja, ein gutes und in der Tat unser erstes Beispiel ist ein Chatbot-Projekt für die medizinische Fakultät. Die Idee kam aus dem Geschäftsbereich von Dr. Katharina Flemming, Mitglied des Rubner-Projektteams: Im Geschäftsbereich Forschungsservice gehen eine Vielzahl vergleichbarer Anfragen ein, deren Antworten eigentlich im Intranet der Charité stehen – nur ist das Intranet bisher eher schwer durchsuchbar. Aus dieser Beobachtung entstand die Idee, einen Chatbot zu bauen, der die wiederkehrenden Fragen kompetent und schnell beantwortet.

An diesem Beispiel haben wir gleichzeitig das Reallabor selbst erprobt. Statt die Idee nur auf dem Papier zu beschreiben, haben wir sie konkret durchgespielt. Wir wollten schauen, wie gut unser Konzept in der Praxis funktioniert. Den Pitchraum haben wir dafür intern durchlaufen: Welche Stakeholder und Bereiche müssen wir einbinden, damit das Projekt schnell umsetzbar wird? Es brauchte etwa einen Server, entsprechende Berechtigungen, Zugang zum Intranet – und ein Sprachmodell, das die Fragen der Nutzenden versteht und beantwortet. Dafür konnten wir mit dem hauseigenen Institut für Künstliche Intelligenz in der Medizin (IKIM) zusammenarbeiten, das Sprachmodelle im internen Netz der Charité bereitstellt. Das ist aus Datenschutz- und Sicherheitssicht natürlich der ideale Fall, weil so keinerlei Anfragen oder Informationen die Charité verlassen.

Bevor losprogrammiert wurde, haben wir alle Stakeholder an einen Tisch geholt und gemeinsam u. a. ein Datenflussdiagramm erstellt. Wir haben geprüft, ob die Idee unter den aktuellen Bedingungen an der Charité funktionieren kann und als wir zu dem Schluss kamen, dass dem so wäre, konnten wir zügig vorangehen. Das zeigt auch, was das zukünftige Reallabor von den Ideengebenden verlangt: Es reicht nicht, eine Idee quasi „reinzukippen“ und zu erwarten, dass sie von selbst fertig wird. Wer eine Idee einbringt, muss auch Zeit und Energie in die nächsten Schritte investieren und sich für das Projekt verantwortlich verstehen. Nur so kann die Umsetzung am Ende so gut werden wie die Idee selbst es war.

Und wie ist der aktuelle Stand des Chatbot-Prototypen?

Der Chatbot war Ende April fertig und wurde im Intranet freigeschaltet – zunächst bewusst ohne ihn aktiv zu bewerben –, einfach um zu sehen, ob die Technik insgesamt funktioniert. Er war dann rund drei, vier Monate online, und wir haben währenddessen gleich gemeinsam mit dem Team um Katharina Flemming ausgewertet, wie gut die Antworten waren. Aktuell ist er wieder offline, weil wir jetzt die Evaluation abschließen: Wie wurde er angenommen, wie viele Nutzerinnen und Nutzer gab es, wie viel Aufwand produziert der Chatbot im Team? An dieser Stelle verlassen wir gewissermaßen den Reallabor-Kontext, denn jetzt geht es darum, wie aus dem Prototyp ein dauerhaftes Betriebsmodell werden kann. Langfristig muss ein Betriebskonzept her und etwa geklärt werden, wer dafür sorgt, dass die Daten aktuell bleiben und die Verbindung konstant da ist, und welche Gremien für einen regulären Betrieb durchlaufen werden müssen.

Das klingt alles genau, wie man es sich von einem Reallabor wünscht: schnelle Verprobung und Lerneffekte statt, dass einer guten Idee peu à peu der Wind aus den Segeln genommen wird. Vielleicht noch einmal anhand des Beispiels Chatbot im Intranet: Gab es denn auch Herausforderungen?

Ja, auch die gab es, auch wenn sie ein Stück weit antizipierbar waren. Wir hatten den Chatbot wie erwähnt relativ schnell live genommen, um ihn im echten Betrieb zu testen – unsere Risikoabschätzung zu diesem Vorgehen fiel harmlos aus, denn er sollte ausschließlich im Intranet laufen und würde dabei keinerlei Daten nach außen geben. Kurz nach Inbetriebnahme kam die Nachfrage vom Personalrat: Warum das Tool eingeführt worden sei, ohne dass zuvor sein Okay eingeholt wurde? Das war vollkommen zu Recht gefragt, denn die Mitbestimmungsrechte greifen hier natürlich. Wir haben dem Rat daraufhin unser Betriebskonzept vorgelegt und uns die Freigabe ganz regulär eingeholt. Aber die Anekdote illustriert vielleicht einen Knackpunkt, nämlich dass auch Reibung entstehen kann, wenn man so fix in die Testung geht. Das haben wir in diesem konkreten Fall bewusst in Kauf genommen.

Wie fällt Ihre bisherige Bilanz zum Reallabor aus?

Sehr positiv! Besonders bewährt hat sich, von Anfang an alle Stakeholder um einen Tisch zu versammeln und dann zügig ins Tun zu kommen. Auch die Zusammenarbeit zwischen der IT und dem IKIM unter Leitung von Professor Alexander Meyer hat hervorragend funktioniert – dort wusste man genau, in welchem Kontext wir uns bewegen, und hat uns entsprechend unterstützt. Das Gleiche gilt für die Zusammenarbeit mit der Fakultät: Weil alle eingebunden waren und von Beginn an klar war, welche Schnittstellen es braucht, um den Prototyp schnell bereitstellen zu können, hat es wirklich Spaß gemacht, an diesem Projekt zu arbeiten. Strukturell wird sich das wiederholen lassen mit anderen Vorhaben, da bin ich mir inzwischen sicher.

Wenn wir jetzt einen Schritt zurück machen und das Gesamtbild betrachten, fällt auf, dass die Charité aktuell mehrere große Change-Prozesse zugleich durchläuft – Stichworte sind hier KI, aber auch das neue Krankenhausinformationssystem und die neuen Innovationsstrukturen, die das CBAIC aufbaut. Wie erleben Sie das aus Sicht der IT und was braucht es, damit diese tiefgreifenden Transformationsprozesse gut gelingen?

Es ist herausfordernd, das will ich nicht beschönigen – die IT steht bei allen genannten Themen stark im Fokus. Gleichzeitig sehe ich die Chance, jetzt ein einheitlicheres Bild unserer Anwendungen und Services aufzubauen. Entscheidend wird sein, dass die ganze Charité mitzieht – am Ende werden u. a. Kliniker*innen, Forschende und Pflegekräfte mit den neuen Systemen arbeiten und auch arbeiten müssen. Eingespielte Abläufe werden zwangsläufig anders aussehen. Mir ist in dieser Zeit des Wandels besonders wichtig, dass wir eine offene, positive Kommunikation innerhalb der Charité leben, in der auch das angesprochen werden darf, was mal nicht gut läuft – aber eben ohne, dass mit dem Finger aufeinander gezeigt wird, sondern gemäß unserem Leitspruch „Zusammen ein Ganzes“. 

Welche positiven Effekte verspricht man sich langfristig von den aktuellen Transformationen? Buchstabieren Sie das für unsere Leserinnen und Leser gerne einmal aus.

Da wären Effizienzsteigerungen zu nennen, dadurch Kosteneinsparungen und vor allem eine bessere Patientenversorgung – das sind die zentralen Ziele. Ein wichtiger Baustein dabei ist der Einsatz von künstlicher Intelligenz, an der inzwischen kein Weg mehr vorbeiführt. Mit dem IKIM sind wir an der Charité gut aufgestellt, um das datenschutz- und sicherheitskonform umzusetzen, auch mit Blick auf die Vorgaben durch den EU AI Act. Trotzdem sind unsere Ressourcen natürlich begrenzt – wir betreiben kein Milliarden-Rechenzentrum im Keller. Umso wichtiger ist es, dass wir die vorhandene, wirklich gute Infrastruktur gemeinsam sinnvoll nutzen und offen kommunizieren, was geht und was nicht. 

Zum Abschluss noch eine persönlichere Frage: Würden Sie sagen, Ihr eigener wissenschaftlicher Hintergrund hilft Ihnen in Ihrer heutigen Tätigkeit?

Ja, durchaus. Ich habe ja Bioinformatik studiert, hatte also immer schon einen engen Bezug zu IT-Systemen und Datenbanken. Studiert habe ich an der Freien Universität Berlin, für den Master ging es dann nach Tübingen, wo ich meinen Schwerpunkt in der Medikationssicherheit ausbauen konnte, und für meine Promotion bin ich dann nach Berlin zurückgekehrt. In meiner Zeit als Doktorand an der FU und Postdoc an der Charité habe ich die Strukturen hier aus wissenschaftlicher Sicht kennengelernt. Danach hat mich mein Weg in die IT geführt, in den damaligen Bereich Forschung und Lehre der Charité. Wir haben unter anderem die App-Entwicklung als Service aufgebaut, aber auch große Drittmittelprojekte wie zum Beispiel Sonderforschungsbereiche unterstützt, etwa bei der nachhaltigen Speicherung und Verfügbarmachung von Forschungsdaten.

Rückblickend hilft mir meine eigene wissenschaftliche Ausbildung sehr dabei, die Anforderungen unserer Forschenden an Technik zu verstehen. In der Wissenschaft muss es häufig schnell gehen, weil der Konkurrenz- und Publikationsdruck so groß ist. Diese Geschwindigkeit konnte die IT bisher nicht immer bieten. Mein Hintergrund hilft mir außerdem dabei, gute Konzepte und Angebote für die Mitarbeitenden zu entwickeln und einzuschätzen, was zentral aus der IT kommen sollte und was Forschende dezentral selbst umsetzen können sollten, um möglichst schnell voranzukommen. Genau da setzt auch das Reallabor an: als Werkzeug, das Zugänge zu IT-Systemen ermöglicht, die auf dem regulären Antragsweg oft nicht so schnell verfügbar sind.

 

Dr. Nina Schmidt
August/ September 2026
 

1 Anmerkung: Das Projektteam umfasst neben Dr. Björn-Oliver Gohlke drei weitere Personen: Dirk Weidlich (Stabsstellenleiter, GB IT) mit Expertise im Changemanagement, Carolin Danker (Referentin des Dekans) und Dr. Katharina Flemming (Leiterin, GB Forschungsservice und Forschungsverträge) mit Verantwortung auch für Industriekooperationen.